Sie sieht sich als “Hebamme” für Sterbende (Rhein-Neckar Zeitung 21.11.2020 – Von Karin Katzenberger-Ruf)

Beisitzerin im Vorstand und ehrenamtliche Hospizhelferin: Dorle Haarmann

Meckesheim. Beim Autofahren beten? Für Dorle Haarmann gehört das dazu, wenn sie zu ihrem Einsatzort unterwegs ist. Als Mitglied des Hospizvereins Elsenztal begleitet die gläubige Christin Sterbende auf ihrem letzten Weg. In dreizehn Jahren dürften es ihrer Schätzung nach um die 40 Menschen gewesen sein. Die RNZ traf die engagierte Frau noch vor dem erneuten “Teil-Lockdown”, der wiederum dazu führte, dass sie ihre ehrenamtliche Tätigkeit derzeit nur telefonisch ausüben kann.

Auch das ist für Sterbende und ihre Angehörigen eine große Hilfe, doch Dorle Haarmann hofft, bald wieder Hausbesuche machen zu dürfen. Auf der Autofahrt dorthin betet sie zum Beispiel dafür, am Bett ihrer Patienten die richtigen Worte zu finden. Das hat bisher offenbar immer geholfen. “Ich habe das Gefühl, ein Kanal Gottes zu sein”, sagt die 73-Jährige, die ihre geistliche Heimat bei der Evangelischen Freikirche in Hoffenheim gefunden hat.

Ihre Aufgabe als Hospizhelferin vergleicht sie mit der einer Hebamme, denn den Tod betrachtet sie als Übergang in ein neues Leben. Sätze wie “Mein Glaube ist der Sprit, der mich antreibt” wirken aus ihrem Mund wie ein Bekenntnis, aber nicht missionarisch. Sie will Menschen auf dem Sterbebett einfach liebevoll begegnen, sie trösten, ihnen kleinen Wünsche erfüllen. “Das ist so wichtig”, weiß sie. Genau, wie in Frieden zu gehen.

Dabei erinnert sie sich gern an einen alten Mann, der den Kontakt zu seinen sieben Kindern verloren hatte. Ihr gelang es, sie ausfindig zu machen, sodass sie sich mit ihrem Vater versöhnen und sich von ihm verabschieden konnten. Sie erzählt aber auch von einer 98-Jährigen, die sie bei einem Besuch “mit ihren alten Äuglein” anschaute und mit ihr am liebsten auf ein Bier in ein Wirtshaus gegangen wäre.

Dorle Haarmann, selbst dreifache Mutter und sechsfache Großmutter, liebt ihren Worten nach alte Menschen ganz besonders. Klar wurde ihr das aber erst nach einem schweren Schlaganfall, den sie im Alter von 42 Jahren erlitt. “Ich war halbseitig gelähmt und konnte nicht mehr sprechen”, erinnert sie sich, “ich musste alles neu lernen, hab das geschafft, in dieser Zeit aber auch viel nachgedacht.”

Damals beschloss die gelernte Kosmetikerin, sich beruflich neu zu orientieren und absolvierte eine Ausbildung zur Altenpflegerin. Menschen zu helfen, die vieles nicht mehr selbst tun können, wurde für sie zur Erfüllung. Dennoch ging sie mit 60 Jahren in Rente. Allerdings nicht, ohne sich eine neue Aufgabe zu suchen. Also wurde sie Mitbegründerin des Hospizvereins mit Sitz in ihrem Wohnort Meckesheim.

Als Hospizhelferin hat sie auch schon jüngere Menschen beim Sterben begleitet. Etwa eine 50-jährige Frau, die vor ihrem Tod vom Sterbebett aus noch alles vorbildlich regelte. Das hat ihr das Abschiednehmen offenbar erleichtert. Was anziehen für die letzte Reise? Auch das kann ein Thema sein. Bei einem Herrn, der leidenschaftlicher Tänzer war, sollten es das Country-Hemd und eine schwarze Hose sein. Dorle Haarmann erfüllte ihm den Wunsch. An den Sterbebetten werde übrigens auch “viel gelacht” betont die Hospizhelferin, die ihren ehrenamtlichen Einsatz als sehr bereichernd empfindet.

Sie ist außerdem immer noch in Altersheimen tätig. So verbindet sie den Besuch bei ihrer Mutter meistens mit einer “Aktivierungsstunde”, bei der auch andere Bewohnerinnen und Bewohner mitmachen können. “Was gibt es in einem herbstlichen Garten alles zu entdecken?”, könnte eine Aufgabenstellung lauten. Dorle Haarmann ist eine gute Beobachterin und schreibt ihre Eindrücke gerne nieder. So war das auch mit dem Garten, den sie bei einem Spaziergang entdeckte. “Ansprache regt einfach die Sinne an, auch bei Demenzkranken”, sagt sie.

Von ihren Erfahrungen im Umgang mit Menschen in ihrer letzten Lebensphase und mit Sterbenden berichtete sie vor einigen Wochen bei einer Informationsveranstaltung des Hospizvereins Elsenztal im Bammentaler Anna-Scherer-Haus. Dort bekundeten gleich mehrere Frauen Interesse an einer Ausbildung zur Hospizhelferin. Anfang November hätten die Wochenendkurse starten sollen, mussten nun aber auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

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